Alles, was wir sind, ist das Ergebnis dessen, was wir dachten
Buddha

Dienstag, 26. Juni 2018

God Market

Vor etwas mehr als einem Monat wurde Asaram Bapu zu einer lebenslaenglichen Gefaengnisstrafe verurteilt; der Vorwurf: Vergewaltigung zweier Minderjaehriger. Asaram hatte sich in den letzten vierzig Jahren als so genannter God-man etabliert und unterhielt zahlreiche Ashrams sowohl in Indien als auch ausserhalb. Seinen Anhaengern gilt er bis heute als heilig, so auch dem Vater seiner beiden Opfer, der seine Toechter gezielt in die Ashram-Schule schickte. Laut den indischen Medien sind die beiden Maedchen bei weitem nicht die einzigen Opfer sexueller Belaestigung durch den Bapu: Immer wieder gingen bei der Polizei Anzeigen von Anhaengerinnen des Gurus ein, die ihm vorwarfen, sie vergewaltigt zu haben. Eine dieser Anzeigen enthielt die Beschreibung eines abendlichen Rituals, in dem Asaram mit einem Laserpointer in einem Kreis junger Frauen sass und schliesslich die huebscheste zweimal anblinkte. Die so auserwaehlte leistete ihm dann in einem privaten "Befreiungsritual" in seinen Gemaechern Gesellschaft. Keine dieser frueheren Anzeigen bestand lange genug, um ein Gerichtsurteil herbeizufuehren, hauptsaechlich da entweder wichtige Zeugen tot aufgefunden wurden oder die Klaeger ihre Klage ueberraschend zurueckzogen. Auch die Familie der beiden Maedchen hat bis heute mit konstanten Bedrohungen fuer Leib und Leben zu kaempfen.

Asaram ist kein Einzelfall. Das Geschaeft mit der Religion, das beileibe nicht auf den Hinduismus beschraenkt ist, ist in Indien millionenschwer. Es reicht vom Verkauf ayurvedischer Zahnpasta zu der Einrichtung zahlreicher, teils von der Regierung subventionierter, Ashrams bis hin zu Actionfilmen mit den Gurus als Helden. Das Versprechen: Spiritualitaet, einfach und schnell erhaeltlich gegen ein wenig Bares. Wie viel dies noch mit der urspruenglichen Religion zu tun hat, ist aeusserst fraglich.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist das von Gurmeet Ram Rahim Singh Insan, der 2017 zu zwanzig Jahren Haft wegen Vergewaltigung verurteilt wurde und vorher vermehrt unter Verdacht wegen Mordes und Zwangskastration stand. Gurmeet Ram Rahim etablierte seine soziale und spirituelle Bewegung Dera Sacha Sauda hauptsaechlich im Norden Indiens und zaehlt inzwischen ueber 60 Millionen Menschen zu seinen Anhaengern. Er ist Regisseur und Hauptdarsteller mehrerer Actionfilme in denen er als "Messenger of God" Unholde verpruegelt. (Wer etwas Unterhaltung sucht, findet den Trailer auf youtube, ich werde ihn jedoch hier nicht verlinken). Gleichzeitig hat er ein Faible fuer schnelle Autos, auffaellige Goldjuwelen und coole Sonnenbrillen, die jeglicher Spiritualitaet vollends zu wiedersprechen scheinen. Sein Einfluss auf die indische Gesellschaft ist kontrovers: Waehrend er eine Mafia unterhaelt, die jegliche Kritik an ihm kaltstellt und Wahlempfehlungen fuer den hoechsten Bieter ausspricht, hat seine Organisation Dera Sacha Sauda Millionen armen Bauern zu einem hoeheren Lebensstandard verholfen.

Weniger exzentrisch als Gurmeet Ram Rahim Singh, jedoch ebenfalls kontrovers, ist Baba Ramdev, der mit der ayurvdischen Marke Patanjali Inhaber ins boomenden Grosskonzerns ist. Patanjali startete als Hersteller ayurvdischer Medizinprodukte und hat sich inzwischen auf die Beauty- und Kosmetikbranche ausgedehnt. Je laenger die Marke besteht, desto mehr stellt sie her. Vor einigen Wochen stellte Patanjali seine eigene Messaging App vor, die nach drei Tagen wegen schwerwiegender Sicherheitsbedenken bezueglich der Nutzerdaten vom Markt genommen wurde. Auch Patanjalis Zahnpasta, Shampoo und Kraeutermischungen zum Einnehmen stehen haeufig in der Kritik, schaedliche Inhaltsstoffe in hoher Dosis zu enthalten. Den Markterfolg Baba Ramdevs scheint jedoch selbst der nachgewiesene Inhaltsstoff Kuh-Urin nicht zu trueben. Werbespots fuer Patanjali  tauchen regelmaessig auf meiner Youtube Empfehlungsliste auf und enthalten meist ein huebsches traditionell gekleidetes Maedchen vom Typ Sanskari, welches sich das Gesicht genuesslich mit Creme einschmiert und dem Zuschauer auf Hindi den Wert und die Vorteile hinduistischer Traditionen nahebringt.

In einer politischen Phase, in der selbst Premier Modi Yoga-Instruktionen unter seinem Namen veroeffentlicht, bekommt Indiens God Market starken Aufwind. Indien in der Vision vieler Hindunationalisten sollte ein Land sein, das international fuer seine hinduistischen Traditionen geschaetzt wird. Um dies zu erreichen, unterstuetzt die aktuelle Regierung Gurus ungeachtet iherer moeglichen kriminellen Hintergruende. Natuerlich sollte nicht jeder Gruender eines Ashrams als Verbrecher stigmatisiert werden, jedoch ist bei der Wahl einer spirituellen Organisation, sowohl als Auslaender als auch als Inder, Vorsicht geboten, nicht an eines der schwarzen Schafe zu geraten.


Sonntag, 15. April 2018

Asifa Bano



… wurde am 10. Januar dieses Jahres im Bundesstaat Jammu & Kaschmir von Hindunationalisten entführt und in einem Hindutempel festgehalten. Ihre Peiniger, darunter Angehörige von Narendra Modi’s Partei BJP, vergewaltigten und folterten sie mehrfach, bis sie am 17. Januar schließlich stranguliert und im Wald verscharrt wurde. Während dieser Ereignisse stand sie unter Einfluss von starken Beruhigungsmitteln, die ihr zwangsweise verabreicht wurden. Asifa war acht Jahre alt.
Das Mädchen gehörte dem muslimischen Volksstamm der Gujjar Nomaden an, die sich während der Wintermonate ins tiefer gelegene Jammu begeben um Grasland für ihre Pferde zu finden. Dies geschieht meist mit Einverständnis der lokalen Bauern, jedoch kam es in den letzten Jahren immer wieder zu Spannungen. Hinzu kommt, dass die Gujjar im hinduistisch dominierten Jammu eine religiöse Minderheit bilden.

Der Fall erregte unmittelbar nachdem er sich ereignet hatte nicht viel Aufsehen, gelangte aber drei Monate später an die Öffentlichkeit, als die BJP offen Proteste zur Unterstützung der Vergewaltiger abhielt. Während der gesamten polizeilichen Untersuchung kam es zu Behinderungen durch Hindunationalisten, die sich auf die Seite der Angeklagten stellten. Zunächst war es Asifa’s Vater nicht möglich, seine Tochter vermisst zu melden, da der örtliche Polizeibeamte ihm eröffnete, Asifa sei wahrscheinlich mit einem Verehrer weggerannt und es sei keine Untersuchung nötig. Zu diesem Zeitpunkt war einer der Polizisten unter den Vergewaltigern und zwei weitere hatten Bestechungsgelder erhalten um die Tat zu vertuschen. Später versuchten hindunationalistische Anwälte in einer Demonstration zu verhindern, dass der Fall das Landesgericht von Jammu & Kaschmir erreichte. Zeitgleich begaben sich hundert Frauen in Hungerstreik zur Unterstützung der Vergewaltiger.

Als diese Details bekannt wurden, kam es in ganz Indien zu Demonstrationen. Während die Mehrheit für Asifa und ihren Volkstamm kämpft, gibt es auffallend viele Gegenproteste.  Das Hauptargument der Hindunationalisten ist, dass der Fall nur deshalb Prominenz erhält, weil das Opfer muslimischen Glaubens ist. Ein BJP Abgeordneter argumentierte, dass die Tat nicht von Hindus begangen worden sein könne, da sie in Kaschmir passiert sei und in Kaschmir ausschließlich Pakistanische Agenten handelten. Premier Modi blieb auffallend lange still. In den sozialen Medien zeichnete sich eine klare Spaltung der indischen Gesellschaft ab. Während viele Solidarität mit Asifa bekundeten, argumentierte die andere Seite, dass der Fall künstlich gehypt werde, um die BJP schlecht darzustellen und dass täglich Hindu Frauen vergewaltigt würden, deren Fall nie an die Öffentlichkeit gelange. Wieder andere verbreiten Verschwörungstheorien, demnach die Muslimische Volksgruppe der Rohingya, die angeblich in der Nähe ein Camp hatten verantwortlich für den Fall waren. Muslime wurden auf Facebook als Volksverräter und Antinationalisten gebrandmarkt und direkt beschimpft.
Man führe sich vor Augen, dass hier mehr Konflikte, als nur die Gewalt gegen Frauen Ausdruck finden:

1.       Asifa war muslimischen Glaubens und wurde von Hindunationalisten gezielt wegen ihrer Religion als Opfer ausgewählt
2.       Asifa war Angehörige eines Nomadenstammes, der sich im Konflikt mit lokalen Bauern befand. Die Täter hofften, durch die Vergewaltigung die Gujjar aus der Gegend zu vertreiben
3.       Die Tat fand in einem Tempel, einem Ort, der als heilig gilt, statt
4.       Die indische Regierungspartei BJP organisierte offene Solidaritätsbekundungen für die Vergewaltiger

Diese Faktoren sind dafür verantwortlich, dass die Situation zum landesweiten Skandal wurde. Der Fall Asifa polarisiert. Menschen, deren politische Ausrichtung bisher nicht bekannt war, ergreifen nun Partei für eine der beiden Seiten. Ich kam gestern in Bangalore an einer Solidaritätsbekundung für Asifa nahe der MG Road vorbei. Ich hoffe, dass die Menschen, die dort Kerzen anzündeten und Plakate hinterließen, etwas bewegen können. Der Hintergrund dieses Blogs zeigt meine persönliche Kerze für Asifa. Sie wird so lange bestehen bleiben, bis die Täter nach indischem Gesetz verurteilt sind und ihre Strafe angetreten haben.



























Freitag, 2. Februar 2018

Padmaavat

… ist der Titel eines Epos des Sufi Dichters Malik Muhammad Jayasi. Es erzählt die Geschichte der Königin Padmavati von Chittoor, die für ihre außergewöhnliche Schönheit über Königreiche hinweg bekannt ist. Als Alauddin Khilji, Sultan von Delhi, Chittoor erobert und von dessen König Ratan Singh Padmavati als Tribut fordert, entbrennt ein Krieg der beiden Herrscher um die schöne Königin. Ratan Singh wird von Alauddin gefangen genommen und nach Delhi verschleppt, während Padmavati die Befreiung ihres Mannes plant. Als Alauddin Khilji Ratan Singh in einer finalen Schlacht besiegt, begehen Padmavati und die Frauen der Krieger Sati um Gefangenschaft und Sklaverei zu entkommen.
Während historische Belege für die Existenz Ratan Singhs und Alauddin Khiljis bestehen, ist Padmavati höchstwahrscheinlich eine rein mythologische Figur. Sie wird erstmals in Jayasis Epos, das 200 Jahre nach der Eroberung Chittoors entstand, erwähnt. In manchen Gegenden Rajasthans gilt die Königin jedoch bis heute als Gottheit und wird als Vorbild für Frauen wahrgenommen.
Der indische Regisseur Sanjay Leela Bhansali adaptierte das Epos in seinem Film Padmaavat, einem der teuersten Filme, die je in Bollywood produziert wurden.
Schon während der Produktion des Films gab es in mehreren Bundesstaaten Indiens Proteste, meist ausgehend von radikal hindunationalistischen Gruppierungen. Der Hauptgrund war die Vermutung, der Film könne eine romantische Szene zwischen der Hindu Königin Padmavati und dem muslimischen Herrscher des Delhi Sultanats enthalten. Hindunationalisten argumentierten, der Film sei historisch inakkurat und stelle die Königin Padmavati als moralisch locker dar. Besonders eine Szene, die einen Tanz der Königin zeigt, wurde heftig kritisiert, da die Hüfte der Darstellerin zu sehen ist.  Weitere Proteste kamen von feministischen Organisationen gegen die Darstellung des Rituals Sati (Witwenverbrennung) zu Ende des Films.
Am 25 Januar dieses Jahres, mehr als einen Monat nach dem geplanten Datum, durfte Padmaavat erstmals in der Öffentlichkeit gezeigt werden. Die Premiere war begleitet von weiteren Protesten in mehreren Staaten. Die Kontroverse um den Film spiegelt eine generelle Stimmung in Indien wieder, die sich seit Monaten immer stärker in der Öffentlichkeit zeigt. Es ist eine Spannung zwischen erstarkenden hindunationalistischen Gruppierungen und sozialen Minderheiten sowie Liberalen. Obwohl Padmaavat keine romantische Szene zwischen Alauddin Khilji und Padmavati enthält, war allein das Gerücht ausreichend für gewaltsame Proteste. 

Ich sah Padmaavat vor ein paar Tagen in einem Kino in Bangalore. Mir scheint es, Alauddin Khiljis Darstellung als machtgierig und skrupellos entgegen historischer Belege hätte die Basis für Proteste von der muslimischen Seite bieten können. Diese bleiben jedoch weitgehend aus. 

Mittwoch, 5. Juli 2017

HMT

Ich fand sie während eines Spaziergangs mit einem Freund, in einem unscheinbaren Uhrengeschäft in Uttarakhand. Sie schien auf den ersten Blick nichts Besonderes zu sein, stach im Vergleich zu den teils sehr schrillen Exemplaren neben ihr nicht heraus. Im Gegenteil; sie war umgeben von jener Atmosphäre, die oft bodenständigen und auf Praxis ausgelegten Gegenständen anhaftet. Umso stärker erschien der Kontrast zwischen ihrer äußeren Erscheinung und dem Namen, den man ihr gegeben hatte: HMT Kohinoor, benannt nach einem der größten Diamanten der Welt, der heute die Imperial State Crown in den Britischen Kronjuwelen ziert.
Ihre Herstellerfirma, HMT, hatte ursprünglich wenig mit der Produktion von Armanduhren zu tun. Die Abkürzung steht  für Hindustan Machine Tools und die Firma war als indischer Staatsbetrieb ein Kind des Sozialismus unter Jawaharlal Nehru. Ihre ursprüngliche Bestimmung war die Herstellung von Maschinen für Indiens wachsenden Industriesektor.
1961 beschloss Premier Nehru, dass jeder Bürger seines Landes stets die aktuelle Uhrzeit kennen sollte; zu seiner Zeit eine Maßnahme um die Pünktlichkeit von Arbeitern zu verbessern. HMT begann im selben Jahr in Bangalore mit der Produktion billiger, aber langlebiger Armbanduhren,die schnell in der indischen Bevölkerung an Popularität gewannen. Bis in die neunziger Jahre bildeten HMT Uhren einen erheblichen Bestandteil aller in Indien verkauften Zeitmesser und erwarben einen Kultstatus, der bis heute besteht. Indische Regierungsangestellte bekommen unter Vorlage eines gültigen Ausweises selbst in 2017 30%Rabatt auf alle Modelle.
Mit der wirtschaftlichen Öffnung in den 90er Jahren begannen die Verkaufszahlen zu sinken, sodass HMT schließlich in 2016 komplett geschlossen wurde. Die Armbanduhren sind jedoch online und in der ehemaligen Fabrik in Bangalore noch immer erhältlich - und manchmal findet sich ein Exemplar in einem unscheinbaren Straßenladen, gebraucht, oder seit seiner Produktion unverkauft.
Wir hatten letztendlich Zweifel an der Echtheit der von uns entdeckten HMT Kohinoor und gingen unserer Wege, doch die Erinnnerung an drei Jahrzehnte indischer Geschichte, die diese Uhr beherbergte, blieb uns noch lange im Gedächtnis. 

Dienstag, 28. Februar 2017

Jana Gana Mana

…ist der Titel der indischen Nationalhymne. Übersetzt bedeutet er in etwa „Herrscher über den Geist des Volkes“.
Das Lied stammt von dem indischen Dichter Rabindranath Tagore und entstand während des Unabhängigkeitskampfes. Es ist in Bengali verfasst und rühmt das Mutterland, dessen Lob aus den Herzen der Menschen aller indischen Regionen spricht.
Seit Ende letzten Jahres existiert in Indien ein Gesetz, das Kinobetreiber verpflichtet, die Hymne vor jedem Film zu spielen. Dabei müssen die Türen geschlossen sein, damit es nicht möglich ist, durch Kommen und Gehen das Lied zu entehren und jeder Kinobesucher ist verpflichtet, aufzustehen. Auf dem Bildschirm wird der Text vor dem Hintergrund der indischen Flagge gezeigt.
Ziel des Gesetzes ist, ein Gefühl des Patriotismus zu fördern, welches laut dem indischen Supreme Court beinhaltet, die Flagge und die Nationalhymne zu respektieren. Ein solches Gesetz existierte bereits in den Zeiten des Kriegs mit China, wurde jedoch später wieder aufgehoben, da die meisten Kinobesucher die Hymne ignorierten und behielt nur in Goa und Maharashtra Gültigkeit. Dass es als Antwort auf die Situation in Kashmir wieder indienweit eingeführt wurde, spricht eine eindeutige Sprache.
Mit der Einführung der Nationalhymne vor Kinofilmen gelangte der Fall eines gehbehinderten Herren an die Öffentlichkeit, der in einem Kino von einem Paar misshandelt wurde, da er während der Hymne nicht aus seinem Rollstuhl aufstand. Das Resultat war ein Urteil des Supreme Courts, dass wer nicht in der Lage ist, zu stehen, nicht aufstehen muss. Diese Situation führt eine gewisse Ironie vor Augen. Die Nationalhymne entehrt jedoch nicht nur, wer sich nicht von seinem Sitz erhebt, sondern auch wer auffallend falsch singt oder, ein Beispiel des Supreme Courts, den Text auf „unangemessene Objekte“ (darunter fallen auch Pappteller) druckt.
Das erste Mal erlebte ich Jana Gana Mana im Kino, als ich mir den Tamilischen Actionfilm „Singam 3“ anschauen wollte. Als ich den Kinosaal betrat, krähte ein kleines Mädchen in der Reihe hinter mir bereits fröhlich den Text der Hymne. Als schließlich die indische Flagge auf dem Bildschirm erschien, erhob sich das Publikum feierlich und sang mit der Hand auf dem Herzen. Ich muss bei allem Respekt zugeben, dass ich mir mit Mühe das Lachen verbiss angesichts der ernsten und konzentrierten Stimmung kurz bevor Actionheld Surya als Polizist Durai Singam mit beachtlichen Fähigkeiten im Nahkampf einen Gangster jagte. In meiner Erfahrung wurden Nationalhymnen nur bei internationalen Events oder wichtigen Staatsereignissen gespielt, was in meinen Augen definitiv zur Komik der Situation im Kino beitrug.

Bisher scheint sich das Gesetz zu bewähren und wird trotz Kritik von vielen Indern ernst genommen. Auf mich hatte es trotz eines gelegentlichen Gefühls der Ironie immerhin die Auswirkung, dass ich den Text nun sicher auswendig kann. Wer weiß, wo ich ihn in Zukunft noch brauchen werde…

Donnerstag, 9. Februar 2017

Bharat Mata

…ist eine Göttin, die die indische Nation verkörpert. Ihr Name bedeutet übersetzt „Mutter Indien“.  Sie ist eine energische Dame, inspiriert von Göttin Durga. Man findet sie meist im safran-farbenen Sari, die indische Flagge in der rechten Hand haltend und in Begleitung eines Löwen. Ihr hinduistisches Vorbild führt bis heute zu heiklen Debatten über Hindu Vorherrschaft und Säkularismus und macht sie damit zu einem umstrittenen Symbol für indisches Nationalgefühl.
Was man unter letzterem zu verstehen hat, wird regelmäßig (wenn auch zuweilen unfreiwillig) von meinen Mitstudenten und Professoren verdeutlicht. Während der Vorlesungen fällt erstaunlich oft die Bezeichnung „our nation“ für Indien mit dem Zusatz wie stolz man auf diese sei. Bedeutende Führungsfiguren des indischen Unabhängigkeitskampfes erscheinen in Präsentationen mit Ehrentitel statt mit Namen und werden von den jeweiligen Referenten gegen jeden Zweifel verteidigt. Kritik an Indien gleicht einer handfesten Beleidigung.
Auf die Frage hin, worauf man denn besonders stolz sei, kommt oft die Antwort: „auf unsere multikulturelle Gesellschaft“, gefolgt von einem Lob für das Militär an zweiter Stelle. Dieses Meinungsbild wird repräsentiert von der indischen Tageszeitung „The Hindu“. Während der „chirurgischen Schläge“ gegen Pakistan nach der Attacke auf die Stadt Uri im indischen Teil Kaschmirs, wurden gefallene indische Soldaten als Helden gefeiert. Eines Tages stieß ich im „Hindu“ auf die Anzeige einer Bank, gespickt mit Bildern indischer Panzer, Kampfjets und Maschinengewehre, die „chirurgische Schläge gegen finanzielle Sorgen“ versprach.
Des Weiteren manifestiert sich indischer Nationalismus in traditionellen Festen sowie im Gespräch über die hinduistischen Epen Mahabharata und Ramayana. Mir als Ausländer werden ebenjene Geschichten gerne mit Stolz erzählt, unter Hervorhebung ihrer 2000 Jahre alten Tradition und unabhängig davon ob sie mir bereits im Detail bekannt sind oder nicht. Während hinduistischer Feiertage wird eine Menge Wert darauf gelegt, sie zu begehen, mit der Begründung die eigene Kultur wert zu schätzen, auch wenn viele dieser Feste, zumindest in der sozialen Schicht, die mit mir studiert, in den letzten Jahrzehnten den kapitalistischen Touch einer Konsumgesellschaft erhalten haben wie es mir scheint. Zuweilen gehört der Kauf teurer Markenklamotten vor selbst weniger wichtigen Feiertagen ebenfalls zu einer Form des kulturellen Nationalismus (dies gilt jedoch nicht für jede gesellschaftliche Schicht Südindiens).
Indisches Nationalgefühl als Konzept stammt aus den Anfängen des indischen Nationalkongress, der versuchte, die unter Britischer Herrschaft stehenden Fürstentümer für den gemeinsamen Kampf gegen den Kolonialismus zu gewinnen. Zur selben Zeit begann die Popularität von Bharat Mata, sowie der Kuh als Mutterfigur der Nation. Eine Professorin für indische Geschichte verdeutlichte einmal, dass beide als nationalistische Propaganda perfekt seien: sie verkörpern sowohl das Bild einer lokalen Gottheit, als auch das Konzept von mütterlichem Schutz, beides vor allem im ländlichen Indien sehr familiäre Gedanken.

Ich würde zu Ende dieses Artikels die Aufmerksamkeit gerne auf den Ausdruck „Bharat“ legen, der die erste Hälfte des Namens Bharat Matas bildet. Der Ausdruck entstammt den Puranas, Jahrtausende alten Sanskrit Schriften, die Indien nach dem Monarchen Bharata als Bharatavarsha (Land Bharatas) bezeichnen. Man bemerke hierbei den hinduistischen Ursprung des Wortes. Es wird demnach gerne von hindu-nationalistischen Gruppierungen zur Propaganda genutzt. Hier wird ein Problem deutlich, das mit indischem Nationalstolz Hand in Hand geht: Sollte Indien eine reine Hindu-nation sein oder feiert man „unity in diversity?“ Wer ist Inder, wer nicht? Was ist indisch, was nicht? Es ist eine Frage, die gerne debattiert, aber nie klar beantwortet wird. Ganz einfach weil es keine Antwort gibt. 

Freitag, 9. Dezember 2016

Amma

Jayalalithaa Jayaraman war eine tamilische Politikerin und Schauspielerin. Sie hatte in ihrem Leben insgesamt 6 mal das Amt des Chief Ministers of Tamil Nadu inne. In der Nacht des 5.Dezember verstarb sie im Apollo Krankenhaus in Chennai nach einem Herzinfarkt.
Dies ist ein persönlicher Nachruf auf eine Politikerin, die es vermochte, mein erstes Jahr in Indien und insbesondere meinen Eindruck von Tamil Nadu stark zu prägen.
Ich kannte ihren Spitznamen „Amma“ (Mutter) bevor mir ihr eigentlicher Name zu Ohren kam. Zum ersten Mal sah ich sie auf einem Wandgemälde am Ortsausgang Thiruvallurs. Es war ein typisches Portrait, mit dunkelgrünem Sari, weißer Haut und einem charakteristischen Lächeln im Gesicht. Dasselbe Portrait zierte mehrere Haushaltsgegenstände meiner Gastfamilie, sowie Wasserflaschen an Busstationen und Restaurants. Amma war nicht bloß Politikerin, sie war eine Marke. Sie schaffte es auf geschickte Weise, überall im Alltag Tamil Nadus präsent zu sein. Ihr Portrait stand für eine Nähe zu den armen Bevölkerungsschichten, da die Gegenstände die es zierte, billiger zu haben waren als üblich. Bei den reicheren Leuten jedoch bedeuteten ebenjene Fernseher, Reismühlen und Waschmaschinen schlechte Qualität und wer sich besseres leisten konnte, sammelte alles, das Jayalalithaas Konterfei trug in der Abstellkammer.
Ebenso berühmt wie Ammas Portrait ist das eines Mannes mit Sonnenbrille und Fellhut. Die Beziehung zwischen Jayalalithaa und M.G. Ramachandran, kurz MGR , ist legendär. Die beiden lernten sich an den Sets der tamilischen Filmindustrie kennen und sind in insgesamt 28 Filmen zusammen zu sehen. Es war der 35 Jahre ältere MGR, der sie schließlich zu ihrer politischen Karriere brachte. Nach seinem Tod trat Jayalalithaa mit einigen Schwierigkeiten in seine Fußstapfen als Parteichefin der AIADMK. Sie wurde am 6. Dezember neben ihrem ehemaligen politischen Mentor beigesetzt.
Die indischen Zeitungen veröffentlichten detaillierte Artikel über das Leben und politische sowie schauspielerische Wirken Ammas. Mir war ein Großteil jener Ausführungen fremd, hatte ich doch nur das letzte Jahr ihrer politischen Karriere miterlebt. In meiner Zeit in Tamil Nadu hatte ich Jayalalithaa als eine populistische Ministerin erlebt, die es vermochte, äußerst geschickte Propaganda zu betreiben. Auf der anderen Seite blieb sie für mich ein Mysterium: Wie lebte sie alleine ohne Familie in ihrer Residenz? Was empfand sie für den verstorbenen MGR? Mein Eindruck von ihr war neben dem Bild der nicht immer legal handelnden und stark selbst-inszenierenden Politikerin auch immer geprägt von der Vorstellung eines einsamen Menschen.

Wie sehr meine Gedanken auf die Person zutreffen, ist fraglich. Dennoch war es mir ein Bedürfnis diesen Blog  Artikel zu schreiben. Obwohl ich als Ausländer in ihren Staat kam und dort nur etwa 11 Monate blieb, war sie für mich untrennbar mit dieser Zeit verbunden. Mit ihr stirbt ein Teil von Tamil Nadu.