Alles, was wir sind, ist das Ergebnis dessen, was wir dachten
Buddha

Dienstag, 28. Februar 2017

Jana Gana Mana

…ist der Titel der indischen Nationalhymne. Übersetzt bedeutet er in etwa „Herrscher über den Geist des Volkes“.
Das Lied stammt von dem indischen Dichter Rabindranath Tagore und entstand während des Unabhängigkeitskampfes. Es ist in Bengali verfasst und rühmt das Mutterland, dessen Lob aus den Herzen der Menschen aller indischen Regionen spricht.
Seit Ende letzten Jahres existiert in Indien ein Gesetz, das Kinobetreiber verpflichtet, die Hymne vor jedem Film zu spielen. Dabei müssen die Türen geschlossen sein, damit es nicht möglich ist, durch Kommen und Gehen das Lied zu entehren und jeder Kinobesucher ist verpflichtet, aufzustehen. Auf dem Bildschirm wird der Text vor dem Hintergrund der indischen Flagge gezeigt.
Ziel des Gesetzes ist, ein Gefühl des Patriotismus zu fördern, welches laut dem indischen Supreme Court beinhaltet, die Flagge und die Nationalhymne zu respektieren. Ein solches Gesetz existierte bereits in den Zeiten des Kriegs mit China, wurde jedoch später wieder aufgehoben, da die meisten Kinobesucher die Hymne ignorierten und behielt nur in Goa und Maharashtra Gültigkeit. Dass es als Antwort auf die Situation in Kashmir wieder indienweit eingeführt wurde, spricht eine eindeutige Sprache.
Mit der Einführung der Nationalhymne vor Kinofilmen gelangte der Fall eines gehbehinderten Herren an die Öffentlichkeit, der in einem Kino von einem Paar misshandelt wurde, da er während der Hymne nicht aus seinem Rollstuhl aufstand. Das Resultat war ein Urteil des Supreme Courts, dass wer nicht in der Lage ist, zu stehen, nicht aufstehen muss. Diese Situation führt eine gewisse Ironie vor Augen. Die Nationalhymne entehrt jedoch nicht nur, wer sich nicht von seinem Sitz erhebt, sondern auch wer auffallend falsch singt oder, ein Beispiel des Supreme Courts, den Text auf „unangemessene Objekte“ (darunter fallen auch Pappteller) druckt.
Das erste Mal erlebte ich Jana Gana Mana im Kino, als ich mir den Tamilischen Actionfilm „Singam 3“ anschauen wollte. Als ich den Kinosaal betrat, krähte ein kleines Mädchen in der Reihe hinter mir bereits fröhlich den Text der Hymne. Als schließlich die indische Flagge auf dem Bildschirm erschien, erhob sich das Publikum feierlich und sang mit der Hand auf dem Herzen. Ich muss bei allem Respekt zugeben, dass ich mir mit Mühe das Lachen verbiss angesichts der ernsten und konzentrierten Stimmung kurz bevor Actionheld Surya als Polizist Durai Singam mit beachtlichen Fähigkeiten im Nahkampf einen Gangster jagte. In meiner Erfahrung wurden Nationalhymnen nur bei internationalen Events oder wichtigen Staatsereignissen gespielt, was in meinen Augen definitiv zur Komik der Situation im Kino beitrug.

Bisher scheint sich das Gesetz zu bewähren und wird trotz Kritik von vielen Indern ernst genommen. Auf mich hatte es trotz eines gelegentlichen Gefühls der Ironie immerhin die Auswirkung, dass ich den Text nun sicher auswendig kann. Wer weiß, wo ich ihn in Zukunft noch brauchen werde…

Donnerstag, 9. Februar 2017

Bharat Mata

…ist eine Göttin, die die indische Nation verkörpert. Ihr Name bedeutet übersetzt „Mutter Indien“.  Sie ist eine energische Dame, inspiriert von Göttin Durga. Man findet sie meist im safran-farbenen Sari, die indische Flagge in der rechten Hand haltend und in Begleitung eines Löwen. Ihr hinduistisches Vorbild führt bis heute zu heiklen Debatten über Hindu Vorherrschaft und Säkularismus und macht sie damit zu einem umstrittenen Symbol für indisches Nationalgefühl.
Was man unter letzterem zu verstehen hat, wird regelmäßig (wenn auch zuweilen unfreiwillig) von meinen Mitstudenten und Professoren verdeutlicht. Während der Vorlesungen fällt erstaunlich oft die Bezeichnung „our nation“ für Indien mit dem Zusatz wie stolz man auf diese sei. Bedeutende Führungsfiguren des indischen Unabhängigkeitskampfes erscheinen in Präsentationen mit Ehrentitel statt mit Namen und werden von den jeweiligen Referenten gegen jeden Zweifel verteidigt. Kritik an Indien gleicht einer handfesten Beleidigung.
Auf die Frage hin, worauf man denn besonders stolz sei, kommt oft die Antwort: „auf unsere multikulturelle Gesellschaft“, gefolgt von einem Lob für das Militär an zweiter Stelle. Dieses Meinungsbild wird repräsentiert von der indischen Tageszeitung „The Hindu“. Während der „chirurgischen Schläge“ gegen Pakistan nach der Attacke auf die Stadt Uri im indischen Teil Kaschmirs, wurden gefallene indische Soldaten als Helden gefeiert. Eines Tages stieß ich im „Hindu“ auf die Anzeige einer Bank, gespickt mit Bildern indischer Panzer, Kampfjets und Maschinengewehre, die „chirurgische Schläge gegen finanzielle Sorgen“ versprach.
Des Weiteren manifestiert sich indischer Nationalismus in traditionellen Festen sowie im Gespräch über die hinduistischen Epen Mahabharata und Ramayana. Mir als Ausländer werden ebenjene Geschichten gerne mit Stolz erzählt, unter Hervorhebung ihrer 2000 Jahre alten Tradition und unabhängig davon ob sie mir bereits im Detail bekannt sind oder nicht. Während hinduistischer Feiertage wird eine Menge Wert darauf gelegt, sie zu begehen, mit der Begründung die eigene Kultur wert zu schätzen, auch wenn viele dieser Feste, zumindest in der sozialen Schicht, die mit mir studiert, in den letzten Jahrzehnten den kapitalistischen Touch einer Konsumgesellschaft erhalten haben wie es mir scheint. Zuweilen gehört der Kauf teurer Markenklamotten vor selbst weniger wichtigen Feiertagen ebenfalls zu einer Form des kulturellen Nationalismus (dies gilt jedoch nicht für jede gesellschaftliche Schicht Südindiens).
Indisches Nationalgefühl als Konzept stammt aus den Anfängen des indischen Nationalkongress, der versuchte, die unter Britischer Herrschaft stehenden Fürstentümer für den gemeinsamen Kampf gegen den Kolonialismus zu gewinnen. Zur selben Zeit begann die Popularität von Bharat Mata, sowie der Kuh als Mutterfigur der Nation. Eine Professorin für indische Geschichte verdeutlichte einmal, dass beide als nationalistische Propaganda perfekt seien: sie verkörpern sowohl das Bild einer lokalen Gottheit, als auch das Konzept von mütterlichem Schutz, beides vor allem im ländlichen Indien sehr familiäre Gedanken.

Ich würde zu Ende dieses Artikels die Aufmerksamkeit gerne auf den Ausdruck „Bharat“ legen, der die erste Hälfte des Namens Bharat Matas bildet. Der Ausdruck entstammt den Puranas, Jahrtausende alten Sanskrit Schriften, die Indien nach dem Monarchen Bharata als Bharatavarsha (Land Bharatas) bezeichnen. Man bemerke hierbei den hinduistischen Ursprung des Wortes. Es wird demnach gerne von hindu-nationalistischen Gruppierungen zur Propaganda genutzt. Hier wird ein Problem deutlich, das mit indischem Nationalstolz Hand in Hand geht: Sollte Indien eine reine Hindu-nation sein oder feiert man „unity in diversity?“ Wer ist Inder, wer nicht? Was ist indisch, was nicht? Es ist eine Frage, die gerne debattiert, aber nie klar beantwortet wird. Ganz einfach weil es keine Antwort gibt. 

Freitag, 9. Dezember 2016

Amma

Jayalalithaa Jayaraman war eine tamilische Politikerin und Schauspielerin. Sie hatte in ihrem Leben insgesamt 6 mal das Amt des Chief Ministers of Tamil Nadu inne. In der Nacht des 5.Dezember verstarb sie im Apollo Krankenhaus in Chennai nach einem Herzinfarkt.
Dies ist ein persönlicher Nachruf auf eine Politikerin, die es vermochte, mein erstes Jahr in Indien und insbesondere meinen Eindruck von Tamil Nadu stark zu prägen.
Ich kannte ihren Spitznamen „Amma“ (Mutter) bevor mir ihr eigentlicher Name zu Ohren kam. Zum ersten Mal sah ich sie auf einem Wandgemälde am Ortsausgang Thiruvallurs. Es war ein typisches Portrait, mit dunkelgrünem Sari, weißer Haut und einem charakteristischen Lächeln im Gesicht. Dasselbe Portrait zierte mehrere Haushaltsgegenstände meiner Gastfamilie, sowie Wasserflaschen an Busstationen und Restaurants. Amma war nicht bloß Politikerin, sie war eine Marke. Sie schaffte es auf geschickte Weise, überall im Alltag Tamil Nadus präsent zu sein. Ihr Portrait stand für eine Nähe zu den armen Bevölkerungsschichten, da die Gegenstände die es zierte, billiger zu haben waren als üblich. Bei den reicheren Leuten jedoch bedeuteten ebenjene Fernseher, Reismühlen und Waschmaschinen schlechte Qualität und wer sich besseres leisten konnte, sammelte alles, das Jayalalithaas Konterfei trug in der Abstellkammer.
Ebenso berühmt wie Ammas Portrait ist das eines Mannes mit Sonnenbrille und Fellhut. Die Beziehung zwischen Jayalalithaa und M.G. Ramachandran, kurz MGR , ist legendär. Die beiden lernten sich an den Sets der tamilischen Filmindustrie kennen und sind in insgesamt 28 Filmen zusammen zu sehen. Es war der 35 Jahre ältere MGR, der sie schließlich zu ihrer politischen Karriere brachte. Nach seinem Tod trat Jayalalithaa mit einigen Schwierigkeiten in seine Fußstapfen als Parteichefin der AIADMK. Sie wurde am 6. Dezember neben ihrem ehemaligen politischen Mentor beigesetzt.
Die indischen Zeitungen veröffentlichten detaillierte Artikel über das Leben und politische sowie schauspielerische Wirken Ammas. Mir war ein Großteil jener Ausführungen fremd, hatte ich doch nur das letzte Jahr ihrer politischen Karriere miterlebt. In meiner Zeit in Tamil Nadu hatte ich Jayalalithaa als eine populistische Ministerin erlebt, die es vermochte, äußerst geschickte Propaganda zu betreiben. Auf der anderen Seite blieb sie für mich ein Mysterium: Wie lebte sie alleine ohne Familie in ihrer Residenz? Was empfand sie für den verstorbenen MGR? Mein Eindruck von ihr war neben dem Bild der nicht immer legal handelnden und stark selbst-inszenierenden Politikerin auch immer geprägt von der Vorstellung eines einsamen Menschen.

Wie sehr meine Gedanken auf die Person zutreffen, ist fraglich. Dennoch war es mir ein Bedürfnis diesen Blog  Artikel zu schreiben. Obwohl ich als Ausländer in ihren Staat kam und dort nur etwa 11 Monate blieb, war sie für mich untrennbar mit dieser Zeit verbunden. Mit ihr stirbt ein Teil von Tamil Nadu.

Montag, 7. November 2016

Crush the bottle after use

…oder warum es mir nicht möglich ist, einen ruhigen Tag im Park zu verbringen.
Ich saß im Frühstücksraum eines Touristenhotels in Agra, neben mir ein Paar aus Kanada, das aufmerksam das Etikett einer indischen Wasserflasche studierte. Neben den  Angaben über den Gehalt an Mineralien fand sich die Anweisung, die leere Flasche zu zerstören. Das Paar lachte ungläubig auf und bemerkte sarkastisch, dass es nicht „recycle the bottle after use“ lautete und dass Indien in seinen Ansichten doch sehr anders sei als ihr Heimatland. Am Nebentisch wunderte ich mich, ob ich ihnen den Grund für die Anweisung erklären sollte – Leere Flaschen werden in Indien oft mit Flusswasser gefüllt und erneut verkauft – ließ es dann aber und wandte mich wieder meinem Frühstück zu.
Das Erlebnis hatte mir jedoch zu denken gegeben, stellte es doch ein hervorragendes Beispiel für interkulturelle Missverständnisse dar. Vorurteile gegenüber fremden Ländern und deren Bewohnern existieren überall auf der Welt. Während Indien in Europa oft als chaotisch und schmutzig gesehen wird, gelten hellhäutige Ausländer in Indien als moralisch locker, reich und unnahbar. Häufig hatte ich selbst mit diesen Vorurteilen zu kämpfen, etwa wenn sich Menschen nicht trauten, mit mir zu sprechen oder Männer mir obszöne Sprüche nachriefen. Ich will eine dieser Gelegenheiten erzählen, die mir die Komplexität kultureller Differenzen deutlich vor Augen hielt.
Ich saß auf einer Bank in Lalbagh, dem Botanischen Garten von Bangalore, und las ein Buch. Auf dem Weg vor mir spazierten Menschengruppen vorbei, Familien, Paare, College Studenten, Senioren. Schließlich ließ mich ein paar Füße aufblicken, das direkt vor meiner Bank stehengeblieben war. Es gehörte der Tochter einer vorbeigehenden Familie, die sogleich den Rest ihrer Verwandten herbeirief. Schließlich stand die ganze Familie um mich herum, starrte mich wortlos an und studierte aufmerksam mein Buch. Nachdem ich mich einen Moment gewundert hatte, bat ich sie zu gehen und mich in Ruhe lesen zu lassen, da ich es nicht als sehr höflich empfand wie ein Zootier behandelt zu werden. Als sie sich entfernten, hörte ich aus ihrer Unterhaltung deutlich das Wort „Westerner“ heraus. Der Gedanke, dass ich in einem Land, das mir wie mein Zuhause vorkommt, nicht wie alle anderen unbehelligt im Park sitzen kann, ärgerte mich. Kurz darauf kam eine Gruppe junger Männer vorbei, die mir laut „Hi Madam!“ zuriefen und lachten, gefolgt von einem älteren Ehepaar, das mich mit einem langen missbilligenden Blick bedachte. Ein paar ähnliche Vorfälle später war ich bereit, dem nächsten, der mich belästigte, meine Tasche über den Kopf zu hauen, als ich auf eine Gruppe Mädchen aufmerksam wurde, die kichernd auf der Bank neben mir saßen und offensichtlich beratschlagten, ob sie mich ansprechen sollten. Schließlich bat mich eine von ihnen schüchtern um ein Taschentuch, nahm es entgegen und rannte kichernd zu ihren Freundinnen zurück, die sie mit den Worten „I don´t know you! What did you ask her?“ empfingen. Ich überlegte, ob ich zu ihnen gehen sollte um zu erklären, dass ich kein Monster sei, vor dem man Angst haben müsste, erinnerte mich dann aber meines früheren Ärgers und ließ es sein.
Hier liegt die zerstörerische Kraft gegenseitiger Vorurteile: Existieren sie einmal, bestärken sie sich selbst. Indem ich die starrende Familie bat, mich in Ruhe zu lassen, bestätigte ich eine mögliche Ansicht, dass Ausländer eine abgeschottete exotische Spezies sind, die mit Indern nichts zu tun haben wollen. In dieser Situation den Unterschied zwischen der Bitte um ein Taschentuch und schamlosen Anstarrens zu verdeutlichen, erscheint mir fast unmöglich.
Ich habe fast ein Jahr gebraucht um das Phänomen der starrenden Menschen im Park zu verstehen und bin mir bis heute nicht sicher, ob ich es vollständig erfasse. Anfangs überprüfte ich in solchen Situationen meine Klamotten, ob etwas falsch sei, ich vielleicht meine Kurta links herum trug. Wenn ich nichts feststellen konnte, fragte ich mich, ob ich mich daneben benommen hatte, unbewusst in ein Fettnäpfchen getreten war. Schließlich versuchte ich mich so „indisch“ wie möglich zu verhalten, doch die Blicke der Passanten hielten an. Ich kam zu dem Schluss, dass weder die Kleidung noch das Verhalten eine entscheidende Rolle spielen. Was zählt, sind die Hintergedanken beider Seiten. Ein Ausländer ruft in Indien oft eine Kombination aus Neugier und Unsicherheit hervor. Für lange Zeit waren Europäer eine Seltenheit in Indien. Man kannte sie als Touristen oder Geschäftsleute und aus dem Geschichtsbuch als Kolonialherren. Einen zweiten Eindruck vermittelte später Hollywood, das nicht unbedingt für seine Nähe zur Realität bekannt ist. Viele Inder haben nie mit einem Ausländer gesprochen oder einen gesehen, aber stattdessen viel über sie gehört. Daraus resultieren eine Menge verschiedene Gründe, mich auf meiner Parkbank eingehend zu mustern. Ich auf der anderen Seite empfinde es als äußerst stressig, unter ständiger Beobachtung zu stehen und wünsche mir manchmal nichts seliger als einen Tag in Frieden.

Ich kann  letztendlich  jedoch niemandem einen Vorwurf machen; weder den Kanadiern mit der Wasserflasche, noch den starrenden Menschen im Botanischen Garten. Letztendlich hatte keine der beiden Seiten wirklich eine Chance, es besser zu wissen. In vielen Aspekten bin ich selbst voreingenommen und mir dessen noch nicht einmal bewusst.  Und in einem gewissen Ausmaß brauchen wir diese gegenseitigen Vorurteile eventuell auch. Wären sie nicht da, wie begrenzt wäre die Möglichkeit, voneinander zu lernen!

Donnerstag, 22. September 2016

English

… ist zusammen mit Hindi offizielle Landessprache Indiens. Sie enthält eine Essenz des Landes, von kolonialen Überbleibseln über sozialen Status bis zu der Frage nach indischer Identität.
Ich traue mich kaum, diesen Artikel zu beginnen, so subtil, so vielschichtig ist das Thema und so leicht ist es, einen Fehler zu begehen. Der Auslöser aller Phänomene jedoch scheint zu sein, dass Indien als Volk mit einer über 3000 Jahre alten Kultur eine fremde Sprache spricht, gebracht von einem ausländischen Unterdrücker. Man sagt, dass der Ursprung des Studiums Britischer Literatur in Indien liegt, geboren aus dem Streben nach sozialem Status. Ansehen in der Gesellschaft ist heute mit der englischen Sprache mehr verknüpft denn je. Indiens wirtschaftlicher Aufschwung geschah auf Englisch und nur wer die Sprache beherrscht, hat eine Chance auf ein hochwertiges Studium und einen gut bezahlten Job.
Englisch in Indien scheint jedoch oft eine Frage des Akzents. „Indisches Englisch“ existiert nicht. Stattdessen findet man so viele Akzente wie Sprachen, jeweils begleitet von Klischees und Witzen. Aussprache ist ein zweischneidiges Schwert. Während die einen stolz sind auf den regionalen Touch, versuchen andere ihn so gut wie möglich zu verbergen. Britisches oder Amerikanisches Englisch ist das Ideal, „International English“ oder gar „Indian Accent“ verpönt. Auf das Streben nach perfekter Aussprache wurde ich durch einen Professor der Christ University aufmerksam, der sich stets bemühte, nicht indisch zu klingen. Dieser Professor unterrichtet ein Fach namens Additional English, das sich mit englischsprachiger indischer Literatur befasst und damit die Beziehung der Inder  zu der Sprache stets beinhaltet.
Ein Beispiel ist das Gedicht „Goodbye Party for Miss Pushpa TS“ des Dichters Nissim Ezekiel. Es beschreibt eine in nordindischem Akzent gehaltene Rede anlässlich einer Abschiedsfeier und enthält sämtliche charakteristische grammatikalische Phänomene, wie die vermehrte Nutzung der Wörter „only“ und „also“, außergewöhnlich häufig auftretendes present progressive und das Fehlen von Artikeln und Präpositionen. Das Werk kann in verschiedenen Akzenten vorgelesen werden, ohne je seine Wirkung zu verlieren. Hauptaussage ist jedoch die Peinlichkeit und Verunsicherung des Redners, der Englisch benutzt um modern zu erscheinen ohne die Sprache jedoch gut zu beherrschen.
Hier wird ein Konflikt deutlich, der tief sitzt in der indischen Bevölkerung. Es ist ein Konflikt zwischen Tradition und Moderne, der in Frage stellt, was „indisch“ ist und was nicht. Indien ist stolz auf seine Jahrtausende alte einzigartige Kultur und versucht diese in der Welt zu repräsentieren. Auf der anderen Seite ist es abhängig von der amerikanischen IT Branche und nur wer westlich lebt, gilt als hip. Die besten Jobs sind im Ausland zu haben und wer kann geht – vorausgesetzt, er oder sie beherrscht fehlerfreies Englisch. Englisch ist die Sprache des Westens und des Kapitalismus, gesprochen von einem Volk, das alldem eher kritisch und konservativ  gegenübersteht und sich noch gut der Zeiten des Sozialismus erinnert, in denen Indien weitgehend abgeschottet vom Weltmarkt ohne aus den Emiraten, Singapur und den USA importierten Waren auskam. Englisch wurde im späten 19. Jahrhundert  vom Indischen Nationalkongress als Sprache einer neuen vereinten Nation eingeführt und kennt dennoch keinen einzigen Ausdruck  für  Elemente indischer Tradition.  Die Sprache ist repräsentativ für ein Stück nationaler Geschichte, das bis heute andauert und sie war von ihrer Einführung bis zur Gegenwart nie frei von inneren Konflikten.


Freitag, 16. September 2016

Section 144

…der Indischen Verfassung untersagt Versammlungen von über drei Personen im Falle eines außergewöhnlichen Zustandes der Sicherheitslage.
Staaten wie Jammu & Kashmir erfahren die Verhängung dieses Paragraphen regelmäßig und auch in Delhi kam er 2012 zum Einsatz nachdem die brutale Gruppenvergewaltigung einer Studentin Unruhen und Proteste ausgelöst hatte.
Am Montag, dem 12.9.2016 verhängte die Regierung von Karnataka Section 144 über Bangalore nachdem randalierende Mobs in verschiedenen Stadtteilen Fahrzeuge in Brand gesetzt, Menschen zusammengeschlagen und Geschäfte demoliert hatten. Auslöser der Unruhen war ein uralter Disput zwischen Karnataka und Tamil Nadu über das Wasser das Kaveri Rivers, der durch beide Staaten fließt. Schon während der Kolonialzeit stritt man über die gerechte Verteilung des Wassers, das beiden Staaten als Trinkwasser und zur Bewässerung von Feldern dient. 2002 legte der indische Supreme Court eine Verteilung fest, die Karnataka in diesem Jahr wegen einer Dürre anfocht; ein Versuch, der erfolglos blieb. Eine Regulierung des Supreme Court, dass Karnataka seine vorgeschriebene Menge Wasser an Tamil Nadu abzugeben habe, führte zu anti-Tamil Protesten in Bangalore.
Ich wurde auf die Proteste zunächst aufmerksam als ich durch eine der Hauptstraßen Bangalores lief und sämtliche  Geschäfte geschlossen vorfand. Auf dem Heimweg begegneten mir mehrere Gruppen auf Motorrädern, die die rot-gelbe Fahne Karnatakas schwangen. Ein paar Stunden später bat die Polizei alle Anwohner bis auf weiteres ihre Häuser nicht zu verlassen. In mehreren Stadtteilen, insbesondere an Busstationen von denen Busse nach Tamil Nadu abfahren, randalierten wütende Mobs und setzen Fahrzeuge mit tamilischen Kennzeichen in Brand.
Interessanter repräsentiert wird der Konflikt jedoch durch die Kommentare auf Facebook, Twitter oder unter den Artikeln selbst. Die Mehrheit appellierte dabei an das indische Nationalgefühl, das den Stolz miteinschließt, in einem multikulturellen Land zu leben und einander zu respektieren. Andere beschuldigten die Regierung, die Proteste  absichtlich zu organisieren um von anderen Problemen abzulenken und wieder andere lobten die Randalierer und bekräftigten wie wichtig es sei, für seinen Staat zu kämpfen. Entsprechend variierten die Hashtags von #Cauveryissue  zu #Wereallindians zu #nammakarnataka.

Die Regierung reagierte mit Polizei und paramilitärischen Einsatzkräften, die mit Hilfe von Schlagstöcken und Tränengas für Ordnung sorgten. Zwei Menschen starben in Gefechten mit der Polizei. Am Morgen des 14. September herrschte Ruhe. Gespenstische Ruhe. Die Stadt war verunsichert, traute der wiedergewonnen Normalität nicht. Ein Taxi, das ich an diesem Morgen nahm, umfuhr Bangalore weiträumig. Seitdem ist es still geblieben in Indiens IT Hauptstadt, ohne dass jedoch der Konflikt gelöst ist. Es ist ein gewaltsamer Friede.

Sonntag, 24. Juli 2016

Christ University

…ist der Name des Ortes, an dem ich die nächsten drei Jahre studieren werde. Es handelt sich um eine private Universität in Bangalore, die den Ruf hat, zu den besten des Landes zu gehören.
Mein erster Eindruck  lässt sich relativ gut mit einem Statement beschreiben, das eine Dozentin in einer unserer ersten Vorlesungen von sich gab: „People who are hugging and speaking broken English are transformed here.“  Während ich mir überlegte, worin der Zusammenhang zwischen Umarmungen und gebrochenem Englisch besteht, fuhr sie bereits fort, dass es sich bei diesem Campus um einen „Clean Shaved Campus“ handelt, woraufhin zwei Studenten hinausgeschickt wurden um bartlos wiederzukommen. Des Weiteren sind Jeans und enge Hosen verboten, Krawatten, bzw. Dupattas Pflicht und Studenten sind angehalten, auf angemessene Sprache zu achten, ein Verbot, das das Wort „Sex“ mit einschließt.
Ich will im Folgenden eine klassische Vorlesung unseres Kurses beschreiben:
Es ist Montag, 8:30am, der Professor für Political Theory betritt den Raum. Nachdem 15 Minuten lang die Anwesenheit aller 60 Studenten geprüft wurde (die um zur Prüfung zugelassen zu werden 85% betragen muss), beginnt eine Debatte über die Eigenschaften eines Staates und seinen möglichen Fehlern. Ein Student bringt das Beispiel Pakistans als korrupten diktatorischen Staat, dem allseits zugestimmt wird. Der Professor sagt nichts. Später kommt das Thema auf humanitäre Interventionen, der Kurs schläft. Dem Dozenten kommt eine Idee: „Do we want Pakistan to come and intervene us?“  Schlagartig sind alle hellwach, selbstverständlich nicht, ist die allgemeine Antwort. Zum Abschluss wird eine Rede Narendra Modis in den USA gezeigt. Der indische Staatschef rühmt sein Land als größte Demokratie der Welt-und der Kurs sitzt gerade und hört aufmerksam zu.
Neben den klassischen Fächern ist der Besuch eines Kurses namens „Holistic Education“ verpflichtend, der dazu dient, soziale Werte zu vermitteln. Themen sind beispielsweise Freundschaft, Beziehungen oder Geschlechterrollen. In diesem Kurs lernte ich, die Bedeutung lebenslanger Freundschaft im Gegensatz zu „social activity buddies“, also Freunden, mit denen man Spaß hat, aber die sehr bald vergessen werden oder die Wichtigkeit der Ehe. Da die Christ University nicht nur für akademische Bildung sondern auch für seelische Entwicklung sorgt, ist dieser Kurs ebenfalls prüfungsrelevant.