Alles, was wir sind, ist das Ergebnis dessen, was wir dachten
Buddha

Donnerstag, 22. September 2016

English

… ist zusammen mit Hindi offizielle Landessprache Indiens. Sie enthält eine Essenz des Landes, von kolonialen Überbleibseln über sozialen Status bis zu der Frage nach indischer Identität.
Ich traue mich kaum, diesen Artikel zu beginnen, so subtil, so vielschichtig ist das Thema und so leicht ist es, einen Fehler zu begehen. Der Auslöser aller Phänomene jedoch scheint zu sein, dass Indien als Volk mit einer über 3000 Jahre alten Kultur eine fremde Sprache spricht, gebracht von einem ausländischen Unterdrücker. Man sagt, dass der Ursprung des Studiums Britischer Literatur in Indien liegt, geboren aus dem Streben nach sozialem Status. Ansehen in der Gesellschaft ist heute mit der englischen Sprache mehr verknüpft denn je. Indiens wirtschaftlicher Aufschwung geschah auf Englisch und nur wer die Sprache beherrscht, hat eine Chance auf ein hochwertiges Studium und einen gut bezahlten Job.
Englisch in Indien scheint jedoch oft eine Frage des Akzents. „Indisches Englisch“ existiert nicht. Stattdessen findet man so viele Akzente wie Sprachen, jeweils begleitet von Klischees und Witzen. Aussprache ist ein zweischneidiges Schwert. Während die einen stolz sind auf den regionalen Touch, versuchen andere ihn so gut wie möglich zu verbergen. Britisches oder Amerikanisches Englisch ist das Ideal, „International English“ oder gar „Indian Accent“ verpönt. Auf das Streben nach perfekter Aussprache wurde ich durch einen Professor der Christ University aufmerksam, der sich stets bemühte, nicht indisch zu klingen. Dieser Professor unterrichtet ein Fach namens Additional English, das sich mit englischsprachiger indischer Literatur befasst und damit die Beziehung der Inder  zu der Sprache stets beinhaltet.
Ein Beispiel ist das Gedicht „Goodbye Party for Miss Pushpa TS“ des Dichters Nissim Ezekiel. Es beschreibt eine in nordindischem Akzent gehaltene Rede anlässlich einer Abschiedsfeier und enthält sämtliche charakteristische grammatikalische Phänomene, wie die vermehrte Nutzung der Wörter „only“ und „also“, außergewöhnlich häufig auftretendes present progressive und das Fehlen von Artikeln und Präpositionen. Das Werk kann in verschiedenen Akzenten vorgelesen werden, ohne je seine Wirkung zu verlieren. Hauptaussage ist jedoch die Peinlichkeit und Verunsicherung des Redners, der Englisch benutzt um modern zu erscheinen ohne die Sprache jedoch gut zu beherrschen.
Hier wird ein Konflikt deutlich, der tief sitzt in der indischen Bevölkerung. Es ist ein Konflikt zwischen Tradition und Moderne, der in Frage stellt, was „indisch“ ist und was nicht. Indien ist stolz auf seine Jahrtausende alte einzigartige Kultur und versucht diese in der Welt zu repräsentieren. Auf der anderen Seite ist es abhängig von der amerikanischen IT Branche und nur wer westlich lebt, gilt als hip. Die besten Jobs sind im Ausland zu haben und wer kann geht – vorausgesetzt, er oder sie beherrscht fehlerfreies Englisch. Englisch ist die Sprache des Westens und des Kapitalismus, gesprochen von einem Volk, das alldem eher kritisch und konservativ  gegenübersteht und sich noch gut der Zeiten des Sozialismus erinnert, in denen Indien weitgehend abgeschottet vom Weltmarkt ohne aus den Emiraten, Singapur und den USA importierten Waren auskam. Englisch wurde im späten 19. Jahrhundert  vom Indischen Nationalkongress als Sprache einer neuen vereinten Nation eingeführt und kennt dennoch keinen einzigen Ausdruck  für  Elemente indischer Tradition.  Die Sprache ist repräsentativ für ein Stück nationaler Geschichte, das bis heute andauert und sie war von ihrer Einführung bis zur Gegenwart nie frei von inneren Konflikten.


Freitag, 16. September 2016

Section 144

…der Indischen Verfassung untersagt Versammlungen von über drei Personen im Falle eines außergewöhnlichen Zustandes der Sicherheitslage.
Staaten wie Jammu & Kashmir erfahren die Verhängung dieses Paragraphen regelmäßig und auch in Delhi kam er 2012 zum Einsatz nachdem die brutale Gruppenvergewaltigung einer Studentin Unruhen und Proteste ausgelöst hatte.
Am Montag, dem 12.9.2016 verhängte die Regierung von Karnataka Section 144 über Bangalore nachdem randalierende Mobs in verschiedenen Stadtteilen Fahrzeuge in Brand gesetzt, Menschen zusammengeschlagen und Geschäfte demoliert hatten. Auslöser der Unruhen war ein uralter Disput zwischen Karnataka und Tamil Nadu über das Wasser das Kaveri Rivers, der durch beide Staaten fließt. Schon während der Kolonialzeit stritt man über die gerechte Verteilung des Wassers, das beiden Staaten als Trinkwasser und zur Bewässerung von Feldern dient. 2002 legte der indische Supreme Court eine Verteilung fest, die Karnataka in diesem Jahr wegen einer Dürre anfocht; ein Versuch, der erfolglos blieb. Eine Regulierung des Supreme Court, dass Karnataka seine vorgeschriebene Menge Wasser an Tamil Nadu abzugeben habe, führte zu anti-Tamil Protesten in Bangalore.
Ich wurde auf die Proteste zunächst aufmerksam als ich durch eine der Hauptstraßen Bangalores lief und sämtliche  Geschäfte geschlossen vorfand. Auf dem Heimweg begegneten mir mehrere Gruppen auf Motorrädern, die die rot-gelbe Fahne Karnatakas schwangen. Ein paar Stunden später bat die Polizei alle Anwohner bis auf weiteres ihre Häuser nicht zu verlassen. In mehreren Stadtteilen, insbesondere an Busstationen von denen Busse nach Tamil Nadu abfahren, randalierten wütende Mobs und setzen Fahrzeuge mit tamilischen Kennzeichen in Brand.
Interessanter repräsentiert wird der Konflikt jedoch durch die Kommentare auf Facebook, Twitter oder unter den Artikeln selbst. Die Mehrheit appellierte dabei an das indische Nationalgefühl, das den Stolz miteinschließt, in einem multikulturellen Land zu leben und einander zu respektieren. Andere beschuldigten die Regierung, die Proteste  absichtlich zu organisieren um von anderen Problemen abzulenken und wieder andere lobten die Randalierer und bekräftigten wie wichtig es sei, für seinen Staat zu kämpfen. Entsprechend variierten die Hashtags von #Cauveryissue  zu #Wereallindians zu #nammakarnataka.

Die Regierung reagierte mit Polizei und paramilitärischen Einsatzkräften, die mit Hilfe von Schlagstöcken und Tränengas für Ordnung sorgten. Zwei Menschen starben in Gefechten mit der Polizei. Am Morgen des 14. September herrschte Ruhe. Gespenstische Ruhe. Die Stadt war verunsichert, traute der wiedergewonnen Normalität nicht. Ein Taxi, das ich an diesem Morgen nahm, umfuhr Bangalore weiträumig. Seitdem ist es still geblieben in Indiens IT Hauptstadt, ohne dass jedoch der Konflikt gelöst ist. Es ist ein gewaltsamer Friede.

Sonntag, 24. Juli 2016

Christ University

…ist der Name des Ortes, an dem ich die nächsten drei Jahre studieren werde. Es handelt sich um eine private Universität in Bangalore, die den Ruf hat, zu den besten des Landes zu gehören.
Mein erster Eindruck  lässt sich relativ gut mit einem Statement beschreiben, das eine Dozentin in einer unserer ersten Vorlesungen von sich gab: „People who are hugging and speaking broken English are transformed here.“  Während ich mir überlegte, worin der Zusammenhang zwischen Umarmungen und gebrochenem Englisch besteht, fuhr sie bereits fort, dass es sich bei diesem Campus um einen „Clean Shaved Campus“ handelt, woraufhin zwei Studenten hinausgeschickt wurden um bartlos wiederzukommen. Des Weiteren sind Jeans und enge Hosen verboten, Krawatten, bzw. Dupattas Pflicht und Studenten sind angehalten, auf angemessene Sprache zu achten, ein Verbot, das das Wort „Sex“ mit einschließt.
Ich will im Folgenden eine klassische Vorlesung unseres Kurses beschreiben:
Es ist Montag, 8:30am, der Professor für Political Theory betritt den Raum. Nachdem 15 Minuten lang die Anwesenheit aller 60 Studenten geprüft wurde (die um zur Prüfung zugelassen zu werden 85% betragen muss), beginnt eine Debatte über die Eigenschaften eines Staates und seinen möglichen Fehlern. Ein Student bringt das Beispiel Pakistans als korrupten diktatorischen Staat, dem allseits zugestimmt wird. Der Professor sagt nichts. Später kommt das Thema auf humanitäre Interventionen, der Kurs schläft. Dem Dozenten kommt eine Idee: „Do we want Pakistan to come and intervene us?“  Schlagartig sind alle hellwach, selbstverständlich nicht, ist die allgemeine Antwort. Zum Abschluss wird eine Rede Narendra Modis in den USA gezeigt. Der indische Staatschef rühmt sein Land als größte Demokratie der Welt-und der Kurs sitzt gerade und hört aufmerksam zu.
Neben den klassischen Fächern ist der Besuch eines Kurses namens „Holistic Education“ verpflichtend, der dazu dient, soziale Werte zu vermitteln. Themen sind beispielsweise Freundschaft, Beziehungen oder Geschlechterrollen. In diesem Kurs lernte ich, die Bedeutung lebenslanger Freundschaft im Gegensatz zu „social activity buddies“, also Freunden, mit denen man Spaß hat, aber die sehr bald vergessen werden oder die Wichtigkeit der Ehe. Da die Christ University nicht nur für akademische Bildung sondern auch für seelische Entwicklung sorgt, ist dieser Kurs ebenfalls prüfungsrelevant.



Montag, 23. Mai 2016

Tērtal

…ist das tamilische Wort für Wahl. Eine solche fand voriges Wochenende in Tamil Nadu statt. Es ging um den Posten des Chief Ministers und die Entscheidung fiel zwischen den beiden Hauptparteien des Staates DMK (Draavida Munnetra Kazhagam), und AIADMK (All India Anna Dravida Munnetra Kazhagam).
Bis dato wurde Tamil Nadu von Jayalalitha, bekannt unter dem Spitznamen Amma (Mutter) und Vorsitzende der AIADMK, regiert. Nicht nur Deutschland hat Mutti. Als ehemalige Schauspielerin und Geliebte des verstorbenen Chief Ministers M.G. Ramachandran besaß sie schon vor ihrer Politikerkarriere einige Berühmtheit. Seit Beginn ihrer Regierungszeit ziert ihr Gesicht Wände in ganz Thiruvallur sowie diverse Gegenstände, von Ventilatoren bis zu Trinkwasser, die billiger sind als ihre Vergleichsprodukte.
Der Beginn des Wahlkampfs war schon vor Monaten zu spüren. Ich erinnere mich, wie meine Gastschwester mit drei Flachbildfernsehern und ebenso vielen Ventilatoren sowie Reismühlen hereinkam und erklärte, dass dies Wahlgeschenke von Jayalalitha seien. Weil jedes Familienmitglied dreifach als Wähler registriert ist, gibt es die dreifache Menge an Haushaltsgegenständen. In ihrer Lebensdauer unterscheiden sich diese jedoch nicht sonderlich von dem obligatorischen Kugelschreiber, der in Deutschland vor Wahlen gerne verteilt wird: Sie beschränkt sich meist auf ein paar Monate. Die dreifache Registrierung, zu verdanken drei verschiedenen Wohnorten, ginge theoretisch auch mit einer dreifachen Anzahl an Stimmen einher, wäre da nicht die wasserfeste Tinte, die den Zeigefinger jedes Wählers ziert und deren Lebensdauer mehrere Wochen beträgt.
Zeitgleich mit dem Wahlkampf tauchten auch die ersten Anti-Korruptionsplakate auf. (Ich habe noch immer nicht herausgefunden, wer für sie verantwortlich ist. Es wäre pure Ironie, stammten sie von der Regierung selbst.) Tatsächlich ist es eine weit verbreitete Praxis in den Morgenstunden, die auch Einbrecher gerne nutzen, da die Menschen häufig nicht zu Hause sind, 2000-5000 Rupien durch den Türschlitz zu schieben. Natürlich Anonym. Dennoch: Die Parteien wissen wer sie wählt. Und die Wähler, wer sie besticht.

Letzte Woche wurde Jayalalitha schließlich für eine weitere Amtszeit gewählt; ein Ergebnis, das mich in Anbetracht ihres Verhaltens während der Überflutungen überraschte. Mein Freund begründete es jedoch so: „Immerhin hat sie keine offene Mordanklage.“ Na dann. Und ein Gutes  hat ihre Wiederwahl doch: Es wird weiterhin an den Busstationen Tamil Nadus billiges Amma-Wasser zu kaufen geben. Irgendwo sind wir alle bestechlich. 

Dienstag, 17. Mai 2016

Kaadal

…ist das Tamilische Wort für Liebe. Mein Jahr in Chennai neigt sich dem Ende zu und wird in ein paar Wochen nahtlos in ein Studium von Politikwissenschaft, Englisch und Geschichte an der Christ University in Bangalore übergehen. Selbstverständlich wird dieser Blog auch in der neuen Umgebung weitergeführt. Dennoch: Es ist Zeit für eine Liebeserklärung.
Wie bei jeder echten Liebeserklärung weiß ich nicht, wie ich sie beginnen soll. Es gab eine Zeit, als all meine Mitfreiwilligen aus Sriperumbudur in ihre Heimatländer zurückgekehrt waren und ich an den Wochenenden plötzlich alleine war. Während dieser Zeit lernte ich eine Stadt lieben, die alles, was ich je zuvor für andere Orte der Welt empfunden hatte, wie reine Kindergartenschwärmerei erscheinen ließ. Ich kannte Chennai seit Beginn, doch erst als ich es Wochenende für Wochenende zu Fuß (die denkbar schlechteste und doch interessanteste Art) erkundete, funkte es zwischen uns. Verliebte ich mich. Begann ein Gefühl untrennbarer Zusammengehörigkeit. Wurde mir klar, wie viel ich für die Stadt empfand.  Hach, Liebe ist kompliziert.
Chennai ist bei den meisten Indern, wie auch Freiwilligen verhasst und das mit gutem Grund. Verglichen mit dem modernen und hippen Bangalore erscheint die Stadt, in Phänotyp, wie in Mentalität,  wie ein übergroßes Dorf. Chennai ist heiß, staubig, konservativ, hart und stinkend, oder, wie einer meiner indischen Freunde es gerne ausdrückt, „in your face.“ In Chennai herrscht Alkoholverbot, wer versucht, sich mit einem Inder im falschen Hotel ein Zimmer zu nehmen, wird wegen Prostitution auf die Polizeiwache gebracht und wer erwartet, dass ein Autorickshawfahrer das Taxameter einschaltet, sollte seinen Sinn für Realität überprüfen.
Zur gleichen Zeit ist Chennai wunderschön, es repräsentiert alle Schichten der indischen Bevölkerung, es ist beeinflusst von Dubai, den USA, Singapur, England und Mumbai zugleich, es ist geprägt von tamilischem Stolz, und es herrscht eine Atmosphäre, die selbst seine härtesten Kritiker als familiär bezeichnen. Chennai ist sympathisch, es ist Familie, Zuhause. Chennai befindet sich in einer Umbruchsphase, in der noch nicht entschieden ist, wohin die Reise geht. Alles scheint möglich.
Chennai hat den St Thomas Mount, der einen grandiosen Blick über die Start- und Landebahnen des internationalen Flughafens bietet; Chennai hat Besant Nagar, das zur Zeit des Unabhängigkeitskampfes Persönlichkeiten wie Annie Besant und Rukmini Devi ein Zuhause bot und noch heute den Garten der Theosophischen Gesellschaft, sowie die Kalakshetra Foundation für traditionellen Tanz beherbergt. In Chennai findet man das alte Bazaarviertel Georgetown, in dem  von Weihnachtskarten bis zu Glycerin alles zu haben ist und ein paar Kilometer weiter die Phoenix Market City, in der die Oberschicht Klamotten von Chanel shoppt. Das im Stadtteil Royapettah befindliche Sathyam Theatre behandelt reiche Jugendliche, die sich mit ihren 300 Rupien Karten auf die guten Plätze setzen genauso, wie Straßenkinder mit einer 10 Rupien Karte für den Rand der ersten Reihe. Es gibt nichts Besseres als im zäh fließenden Verkehr am Abend aus dem Fenster eines Busses von Koyambedu nach Adyar zu schauen und einen Blick auf den erleuchteten Gandhi Mandapam, den Campus der Anna University, die Schaufenster der Läden, die die Straße säumen und die verschiedenen Verkehrsteilnehmer selbst zu werfen.

Meine Liste, warum ich Chennai liebe ist endlos. Ich werde Indien nicht verlassen, doch der Abschied von Tamil Nadu fällt mir schwer. Ich werde regelmäßig von verschiedenen Indern ausgelacht, wenn ich sage, dass ich mir in Karnataka wie ein Tamile vorkomme. Der Staat und Chennai insbesondere, bieten mir ein Gefühl von zu Hause, wie ich es anfangs nicht für möglich gehalten hätte. Mir bleibt nur eins zu sagen: Chennai, naan unnai kaadalikkiren. Rompa rompa nandri. Ich liebe dich. Danke für alles. 

Montag, 9. Mai 2016

Ratham

…ist das tamilische Wort für Blut. Ich möchte diesen Beitrag mit einer kurzen Geschichte eröffnen. Vor ein paar Monaten bereitete sich mein Gastvater auf eine Pilgerfahrt nach Kerala vor, das Ziel ein Tempel, zu dem nur Männer Zutritt haben. In den elf Tagen vor Aufbruch mussten im Haus besondere Regeln der Reinheit eingehalten werden. An einem Sonntagabend während dieser Zeit kehrte ich müde und erschöpft von einer Reise zurück. Meine Gastschwester empfing mich an der Tür. „Hast du deine Periode?“, war die erste Frage, die sie mir stellte. Etwas überrascht antwortete ich mit einem wahrheitsgemäßen „Ja“, worauf sie mir eröffnete, dass ich die nächsten drei Tage die Wohnung nicht zu betreten habe. Ich ließ durchblicken, dass mich diese Aussicht, auch in Anbetracht der späten Uhrzeit, nicht sonderlich begeisterte, sodass sich meine Gastschwester schließlich ein Herz fasste und mir gestattete, falls die ersten drei Tage bereits vorüber seien, in meinem Zimmer zu übernachten.

Menstruation ist in Indien eines der sensibelsten Themen, die in der Gesellschaft existieren. Seine volle Tragweite wird mir erst bewusst, nachdem mich mein Projekt gebeten hatte, ein Aufklärungsprogramm darüber zu erstellen. Während selbst meine relativ moderne Familie bereit war, mich ungeachtet aller Sicherheitsrisiken drei Tage lang nicht in die Wohnung zu lassen, sieht die Situation auf dem Land noch einmal anders aus. Manche Dörfer besitzen spezielle Hütten außerhalb der Grenzen, in die sich menstruierende Frauen während ihrer Periode zurückziehen, oft alleine und ohne Küche oder Toilette. Sie verlassen sich auf die übrigen Frauen der Familie, um etwas zu essen zu bekommen. Selbst in modernen Familien in der Stadt dürfen Tempel, Küche oder Gebetsraum nicht betreten werden. Während der Pongal Feierlichkeiten konnten zwei meiner Gastschwestern nicht am Gebet teilnehmen, weil sie ihre Periode hatten.

Dazu kommt die geringe Verfügbarkeit von Hygieneartikeln auf dem Land. Damenbinden sind verhältnismäßig teuer und für viele Dorfbewohner unerschwinglich. Man behilft sich mit Papier, Blättern und Sand. Die Bildung vieler Mädchen endet mit Einsetzen ihrer Periode, da die Schule während dieser Zeit nicht besucht werden kann. Die verpassten Unterrichtsinhalte aufzuholen, ist für viele nicht möglich.

Vor nicht allzu langer Zeit, besuchten wir eine Familie, deren dreizehnjährige Tochter uns stolz die Bilder ihrer Puberty Function zeigte. Es handelt sich um ein traditionelles Fest in Tamil Nadu, das die erste Periode eines Mädchens feiert. Bevor die indische Regierung Hochzeiten unter achtzehn für illegal erklärte, gab man damit bekannt, dass eine Tochter nun im heiratsfähigen Alter sei. Während des Festes erscheint das Mädchen in den Kostümen verschiedener Götter, sowie in ein paar zusätzlicher seiner Wahl. Japanische Geishas und viktorianische Prinzessinnen sind nicht unüblich. Während besagte Feier auf dem Land selbstverständlich durchgeführt wird, ist sie in den Internetforen der Städter umstritten.

„What should I tell them? Welcome to celebrate the stain on my undergarment?“ twitterte eine Inderin sarkastisch. 

In besagten Foren starteten indische Feministinnen vor ein paar Monaten eine Kampagne, die es bis auf die Straßen Mumbais, Delhis und Bangalores schaffte. Unter dem Hashtag „We bleed. Let´s face it.“ demonstrierten Frauen gegen alte Traditionen und für einen offenen Umgang mit dem Thema. Recht haben sie.

Dienstag, 12. April 2016

Maruttuvar


…ist das tamilische Wort für Arzt. Einen solchen habe ich in der letzen Woche des Öfteren aufgesucht und dabei ein paar interessante Erfahrungen gemacht. Grund genug, einen detaillierteren Blick auf die Orte und Menschen zu werfen, die Chennais Gesundheit aufrechterhalten.

 Es begann an einem späten Dienstagabend, als zuerst mein Sprachvermögen und schließlich auch meine Fähigkeit, klar zu denken aussetzten, gepaart mit starkem Kopfschmerz und einem seltsamen Gefühl in meinem rechten Arm. Als ich beschloss, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, hatte in Thiruvallur ein kleines Krankenhaus Bereitschaft, dessen Existenz ich bisher schlichtweg übersehen hatte. Wie ich aus den Jesusbildern an den Wänden der drei türkis gefliesten Räume, aus denen es bestand, schloss, wurde es von einer christlichen Mission geführt. Der dortige Arzt, verärgert, dass man ihn um diese Uhrzeit störte, grübelte über meinen Symptomen, meinte, sie erinnerten ihn an einen Schlaganfall,  für den ich jedoch eigentlich zu jung sei und empfahl, in Chennai einen Neurologen zu konsultieren.

Das Krankenhaus, in dem ich dies drei Tage später tat, hätte zu meiner ersten Erfahrung nicht stärker in Kontrast stehen können. Es trug den angeberischen Namen „Apollo Hospital on Greams Road“, befand sich in einer der Topstraßen Chennais und in seinen Korridoren traf man die Oberschicht Indiens, Bangladeschs und Westafrikas. In den modern gestalteten Warteräumen wurden ehemalige Diplomaten in Rollstühlen umhergeschoben, während ihre Familien mit teurem Make up und Designerhandtaschen wachsam folgten.  Der Mann, mit dem ich mich schließlich unterhielt, trug den Titel „Prof. Dr. Senior Consultant Neurologist Honorary Neuro Physician to Former the President of India“ und hatte seinerzeit den ehemaligen indischen Präsidenten Abdul Kalam behandelt. Er diagnostizierte einen Anfall von Migräne und riet mir zur Kontrolle zu einem MRT Scan.

Nachdem man mir den Preis eines solchen Scans im Apollo Hospital genannt hatte, den ich hätte vorlegen müssen, beschloss ich, einen preisgünstigeren Ort zu finden. Der ehrenwerte Neurologe empfahl das Zentrum einer Wohltätigkeitsorganisation, gesponsert vom Lions Club Anna Nagar Charitable Trust. Ich betrat ein unscheinbares Gebäude, vor dem eine Gruppe Senioren Schlange stand. Nach einer kurzen Nachfrage, ob sich an meinem Körper Metall befinde, streifte man mir ein altes Nachthemd über und schob mich in ein sehr modernes MRT, das so gar nicht in seine Umgebung zu passen schien. 40 Minuten später verließ ich das Zentrum mit den Bildern meines Gehirns in einer Plastiktüte, die Diagnose: normal.

Ich habe in den vergangen acht Monaten an den Schulen der Vororte Chennais zahllose Unterrichtseinheiten zu verschiedenen Krankheiten gegeben. Fast genauso oft habe ich den Schülern bei Auftreten bestimmter Symptome zu einem Arztbesuch geraten. Was dies jedoch tatsächlich bedeutet; welche Vielzahl von Erfahrungen sich hinter diesem simplen Rat verbirgt, wurde mir erst letzte Woche ganzheitlich bewusst.